Ein Content Battle in 3 Akten

Akt 1: Die Bühne

Auf der Bühne ein einsamer Schreibtisch.

Ich sehe ihn dort stehen, als ich durch die Tür komme.
Der Monitor leuchtet – Mist ich habe ihn gestern doch ausgeschaltet –
oder doch nicht.
Ich weiß es nicht mehr – zu müde war ich.

Ich schlurfe zu ihm rüber – zögere – will hier nicht sein.
Ich drehe mich um, bereit zu flüchten – eine Kaffee holen oder doch lieber gleich wieder zurück ins Bett.
Aber… die Tür ist weg. Wo eben noch ein Fluchtweg zu sein schien, ist nur noch eine kahle graue Wand.

Ich ergebe mich – wende mich dem flackernden Monitor zu “Okay, ich weiß…ist schon klar. Content muss raus.”  –  jeden verdammten Tag.

Ich ziehe den Stuhl zurück und lasse mich drauffallen.

Der erste Schritt ist gemacht.
Ich sitze – im Spotlight.

Der Cursor blinkt – wie ein Metronom versucht er mich in den Takt zu bringen.
Vergebens. Ich suche in meinem Kopf nach einer Idee oder nach einer Möglichkeit meine Ideen in Worte zu fassen.

Aber im Kopf ist es dunkel – wie in meinem Keller mit der kaputten Glühbirne.

Ich: Mitten im „Ich müsste mal wieder liefern“-Koma.
Ich starre den Bildschirm an.

Im Hinterkopf startet ein leises Brummen. Komisches Geräusch.
Hört sich an als ob eine Maschine gestartet würde.
Aber sie stottert, das Brummen verstummt stotternd. 

Im Nebenlicht, rechts, neben der Tastatur: Tasse.
Unscheinbar weiß.
Still.
Wachsam.
Leicht steigt Dampf aus ihr auf.

„Welcher freundliche Mensch hat mir einen Kaffee hierhergestellt?“ 
Ich bin alleine im Maschinenraum.

Auftritt: Anton – der vermeintliche Herrscher über die Bürosklaven.

Der ungeliebte Gast, der IMMER kommt, obwohl ihn niemand einlädt. Niemand mag ihn wirklich.

Ich weiß nicht, wie er hier reinkommt oder ob er hier längst wohnt, versteckt irgendwo zwischen den Maschinen…

Wie immer trägt er einen grauen Anzug, ein weißes Hemd, die obersten drei Knöpfe lässig geöffnet, eine goldgefasste Sonnenbrille und eine goldene, ziemlich teuer aussehende, Uhr am linken Handgelenk. Und er schwenkt seinen Aktenkoffer, voller sinnloser Ideen und überflüssigen Tipps, drohend über seinem Kopf  –Ratschläge, die ich sowieso nicht befolgen werde.

Ich frage mich, ob er den Anzug jemals reinigen lässt.
Er sieht immer so „fresh“ aus, als sei er gerade aus der Dusche gekommen und einem Ankleidezimmer entstiegen.

Ich grüble darüber, wann er mir das erste Mal begegnet ist. Aber ich komme nicht drauf.
Es muss ewig her sein.

Anton grinst.
Dieses fiese breite, schleimige Grinsen, aalglatt – kalt.
Er flüstert gehässig, von rechts,  in mein Ohr:

„Du musst endlich anfangen”
”Du musst etwas machen – das kann doch nicht sooo schwer sein.”
„Du musst doch nur bei den anderen schauen”
„Du musst das perfekter machen.“
„Du musst…“

Immer dieses
Du.
Musst.
Worte wie Haken, die sich in meinen Gedanken festkrallen.
Er weiß, dass ich es hasse, wenn er hinter mir steht, wie ein Wächter oder – noch schlimmer – wie ein Lehrer.

Jetzt weiß ich auch, wo das Geräusch startender Maschinen herkam:

Es ist wieder da.

Das Kettenkrussel macht diese lauten, kantternden Motorgeräusche, denen das Klirren der Ketten folgt. 

In meinem Kopf dreht die fiese graue Ratte mit einem bunten Partyhütchen ihre Runden im “Ich bin nicht gut genug Karussell” und kichert hysterisch.
Bei jedem Satz von Anton klatscht sie begeistert in ihre kleinen Pfötchen mit den grell lackierten Krallen.

Meine Finger schweben über der Tastatur – aber sie schreiben nicht. Sie können nicht. Gekrümmt bleiben sie über der Tastatur stehen.

Jetzt schon erschöpft tastet meine Hand über den Schreibtisch – sucht nach der Kaffeetasse.
Und da steht sie…Tasse:
Weiß.
Clean.
Unauffällig.

Aber mit Attitüde bis unter den Henkel.
Sie ist voll mit heißem, wohltuendem, schwarzen Kaffee.
Ich habe immer noch keine Ahnung wer sie damit gefüllt hat, aber ich bin dankbar für die kurze Ablenkung.

Ich sehe sie an und habe das Gefühl sie lächelt mir zu. Ich ignoriere es und das merkwürdige Gefühl, das mich beschleicht.

Auf ihr steht es, ganz klar: „Einen Scheiss muss ich!“

Ich zucke herum, denn Anton steht plötzlich links hinter mir und schleimt diesmal mit einem süffisanten Unternton  in mein anderes Ohr  “Du musst”.

Akt 2: Die Eskalation

Ich zucke zusammen. Drehe mich zu ihm um, aber er ist schon wieder verschwunden.
Er ist wie ein Geist…
Mein Blick sucht nach ihm und findet ihn: er hat er sich direkt hinter meinem Stuhl materialisiert, in meinem Rücken – über den mit jetzt ein kalter Schauer läuft.

Je näher er mit ist, desto weniger klar kann ich ihn erkennen. Er ist wie ein Schatten, ein grau vermatschtes Monster aus dem Universum der Boshaftigkeit.

„Du musst JETZT etwas posten.“ 
„Etwas sinnvolles.“

„Mit viel Tiefe – aber spannend muss es auch sein – und wertvoll.“

”Du musst dir die ganzen super-smarten Copywriter anschauen – Du musst wie die schreiben.”

„Du musst… Du musst… Du musst…“

Er flüstert nicht mehr – seine Stimme wird lauter, drängender, ungeduldiger.
Er gleitet damit um meinen Kopf herum.
Links. Rechts. Über mir.
Ein schleimiges Mantra, das sich wie dunkler, zäher Nebel in meine Synapsen setzt.

Ich presse die Lippen aufeinander.
Die Finger versuchen einen neuen Anlauf – sie zittern.
ICH KANN NICHT.
Keine Idee. Kein Satz. Nicht einmal ein Anfang.
Nur der Cursor, der jetzt wirkt, als würde er sarkastisch blinzeln.

Und dann… Ratte.

Sie tobt. Schießt Kreise im Karussell, als hätte sie Espresso pur gesoffen.
Sie trägt jetzt Sonnenbrille und eine kleine Goldkette.
Wo hat sie die her? Von Anton?
Wahrscheinlich.

Sie brüllt.
Kreischt.
Johlt:

„Du bist nicht gut genug!“
„Die da draußen sind alle besser!“
„Lösch es gleich wieder, bevor es jemand sieht!“

Und da ist plötzlich nicht mehr nur eine Ratte.
Es sind fünf. Zehn. Ein ganzer Chor.
Alle tragen Partyhütchen, eine hat ein Mikrofon.

Sie veranstalten eine Show. Wie eine irre, völlig überdrehte und außer Kontrolle geratene Freakshow.

Die Ratten sitzen inzwischen alle in einem Kettenkarussell und fliegen mit irrsinniger Geschwindigkeit durch meinen brummenden Schädel.

Unten drunter sitze ich – die gescheiterte Schreiberin mit zu viel Kaffee und zu wenig Substanz.

Ich atme flach.
Ich will brüllen.
Ich will alles löschen.
Ich will den Laptop nehmen und aus dem Fenster werfen.

Aber ich weiß, dass da draußen nur mehr Antons warten – in tausend LinkedIn-Profilen, mit ihren „Optimier deinen Funnel“, „Content der anzieht“ und “So geht Social Media 2025”-Whitepapern.

Ich sehe wieder zur Tasse.
Sie steht da wie ein Ruhepol im Chaos. 

Ich greife nach ihr, will einen Schluck nehmen, spüren wie der Kaffee wohlig in meiner Kehle brennt, in meinen Venen pulsiert.

Und da – ein erster Gedanke – der Anflug einer Idee.
Leise. Zaghaft.

Vielleicht, wenn ich mich jetzt endlich ein wenig beruhige…
dann…

Aber da schaltet sich Anton wieder ein:

”Bist du immer noch nicht weiter?”
Du musst….

Ich stehe auf. JETZT bin ich wütend.

Er hat mich in einem gerade erwachendem, genialen Gedanken unterbrochen und ich weiß: wenn ich mich ablenken lasse, ist alles wieder weg, bevor ich auch nur ein Wort getippt habe.

Ich sehe dieser schleimigen, bösartigen, großkotzigen Kreatur direkt in die Augen und brülle: ” Anton…
halt’s Maul!”

Anton wird kreideweiß, er wirkt irritiert, wankt ein wenig, gleitet ein Stück zurück.

Und dann ist da Tasse. Ich habe das Gefühl, sie ist näher gerückt.
Vielleicht war’s auch nur der Koffeinmangel.
Aber ich schwöre: Sie schaut mich an.
Sie sagt nichts.

Muss sie auch nicht, es steht ja da: “Einen Scheiss muss ich!”.

Sie zwinkert mir zu.
”Okay jetzt werde ich endgültig verrückt.”

Ich nehme dankbar den ersten Schluck, den sie mir reicht.

Und dann denke ich:
“Ey. Ich bin hier nicht im Casting für „Germany’s Next Top Copywriter“

Und ein winziger Spalt tut sich auf, zwischen Selbstkritik und Selbsterkenntnis.
Und da schlüpft die Erkenntnis durch:

Ich darf.
Ich muss nicht.

Anton schmollt immer noch.
Er gleitet mit beobachtendem Blick durch den Maschinenraum – irgendwo zwischen irritiert und völlig verunsichert.

Das ich ihn wegbrülle – das kennt er nicht.

Akt 3: Der Befreiungsschlag

Ich setze mich wieder hin.

Die Verzweiflung, mein Zorn…weichen langsam und öffnen eine kleine Tür für die Klarheit.

Meine Hände zittern immer noch. Jetzt aber nicht mehr vor Überforderung, sondern vor Energie.
Sie wissen plötzlich wieder, wofür sie gemacht sind.

Ich darf nicht nur – ich will.

Anton klebt jetzt an der Wand – der drohende Schatten sieht jetzt aus wie ein klebriger Fettfleck. 
Die Sonnenbrille liegt am Boden. Die Aktentasche ist offen, der Inhalt ist überall verstreut.
Ein Haufen aus Strategievorlagen, Buzzwords, Whitepapers und Anleitungen zu „Du musst“…

Ein glibberigr Arm löst sich von der Wand, versucht das Chaos einzusammeln – hektisch, als hinge sein Leben davon ab.

Aber solange er da an der Wand klebt, kommt er nicht ran.
Ich kichere. Ich sollte einen Kleiderhaken dort anbringen, dann könnte ich ihn direkt da aufhängen.

Ratte ist auch noch da – sie sitzt zusammengekauert in ihrem Karussellsitz, die kleinen Pfötchen vor das spitze Gesichtchen gehalten. Ich höre sie bitterlich schluchzen.

Ich spüre sie hat Angst.
Angst nie wieder in diesem Karussell ihre Runden drehen zu dürfen.
Aber ich beruhige sie: “Ich weiß, dass du bleibst…du wirst immer wieder hier sein, so wie Anton auch.”

”Ihr gehört zu meinem Leben, auch wenn ihr manchmal ganz schön nervig seid.”

Eine der Ratten hat sich aus meinem Kopf gemogelt. Sie kritzelt resigniert mit Lippenstift auf mein Whiteboard: „Vielleicht ist sie ja doch nicht ganz lost.“

Ich muss lachen. Laut. Sehr laut, diesmal. Ein echtes Lachen..

Tasse steht immer noch da.
Sie lächelt milde.
Sie wusste, dass ich von selbst draufkomme.
Sie sagt: Nichts.
Muss sie ja auch nicht.

„Es steht ja da: „Einen Scheiss muss ich.“
Ich habe es verstanden.

Meine Finger berühren die Tasten.
Ich schreibe.
Ein Wort.
Noch eins.
Sie sind nicht perfekt.
Aber sie sind meine.

Ich schreibe – eine Geschichte von Anton – Ratte – Tasse – und mir.

Kein Content nach Maß – einfach eine Geschichte – wie sie jeden Tag in jedem Büro passieren kann.

Und plötzlich ist der Cursor nicht mehr sarkastisch.
Er blitzt mich fröhlich an.

Anton macht einen letzten kläglichen Versuch.

“Aber, du musst doch…” Aber es klingt dumpfer, wie durch Watte.

Ich sage, diesmal etwas sanfter:” Ach Anton…kannst du nicht einfach mal die Klappe halten.”

Ich tippe weiter.

Und draußen, irgendwo – ein zweiter Bildschirm.
Ein anderer Mensch liest – hält inne – reicht den Text weiter – flüstert: „Lies das mal.“ 
Ich höre erleichtertes Gelächter. 

Anton hat sich erstmal verkrümelt, aber ich weiß: Er wird eines Tages wieder hereingleiten wie eine Schlange – Ratte würde aufgeregt hinterhertrippeln.

Aber das macht nichts: Ich habe jetzt Tasse.

Selbstzweifel und manchmal hysterisch sein und nicht an sich selber glauben, ist okay.

Und wenn du mal in deinem Büro hockst und denkst, du müsstest…
”noch schnell etwas geniales” liefern, während du eigentlich gerade mental in Embryonalstellung auf der Couch liegst –

Dann hol dir auch so ‘ne Tasse.
Die sagt dir nicht, was du tun musst.
Die sagt dir, was du lassen darfst:

Den Bullshit – die Vergleiche – die „Muss-Listen“ – die fremden Maßstäbe.

Und jetzt entschuldigt mich bitte.
Ich muss meiner Tasse Nachschub holen.
Sie hat Anton schon eins übergezogen und will jetzt die Ratte erledigen.
Ich muss sie aufhalten.