ambivalenter Markenkern killt Marke

Wie man in nur 6 Monaten seine Marke killt

Eine wahre Geschichte, die so nicht hätte sein müssen

Gerade mal sechs Monate.
Dann war das Licht wieder aus.

Das Unternehmen lag quasi nach der Gründung noch in den Windeln.
Bereit zu wachsen und zu reifen.
Statt dessen kam nach 6 Monaten der Overkill – die Insolvenz.

Es gab in der Stadt genau ein veganes Restaurant.
Vegan – Bio – regionale Zutaten – alles so natürlich wie möglich.

Eines!

Die besten Voraussetzungen – sollte man denken.
Es sollte alles anders kommen.

Vegan, Bio, regionale Lebensmittel und faire Getränke.

Alleinstellungsmerkmal – Einzigartigkeit – USP – erfüllt.
Das Konzept – gut durchdacht – stand.

Investement rund 90k.
Das gesamt Erbe der angehenden Gastronomie.
Alles auf eine Karte gesetzt. All In.
Das war ihr Traum – schon seit vielen Jahren.
Alleinerziehdende Mutter mit 3 halbwüchsigen Kindern.
Ich fand ihren Mut beachtenswert und unterstütze gerne.

Das Branding, die Webseite habe ich in enger Absprache mit der Kundin erstellt.
Das Einrichtungskonzept wurde auf die Marke abgestimmt.
Werbematerial – alles auf den Punkt und exakt auf Zielgruppe und Markenidentität zugeschnitten.

Ein stimmiges Konzept und eine stimmige Strategie.

Trotzdem haben alle haben gezittert.
Würde es funktionieren?

Dann kam die Eröffnung.

Eine coole Party, alles was Rang und Namen hatte war da.
Es gab Kostproben aus der veganen Speisekarte – alle waren begeistert.

Dann war erstmal eine Zeit zum Auf- und Durchatmen gekommen.
Alles sah rosig aus.

Die Leute rannten dem Restaurant die Bude ein und das, obwohl der Standort nicht ideal war.
Ausgebucht auf Wochen im Voraus.

Ein richtiger fetter Start. Es lief.

Ich blieb, als Designerin und BusinessBeraterin.
Und ich habe sogar eine Zeitlang im Team mitgearbeitet, um nah am Geschehen
zu sein.

Ja, sowas mache ich tatsächlich.
Wenn ich am Aufbau beteiligt bin und wenn ich beraten soll, muss ich ja wissen, was wirklich läuft und nicht nur, was man mir erzählen möchte.
Was meistens nicht mal die Hälfte von dem ist, was wirklich schief läuft, wenn es schief läuft.

Schließlich haben wir uns alle mächtig reingekniet.

Meetings – Feedbackschleifen – Nachtschichten.

Die Basis war stark und es funktionierte.

Und dann der Knall.

Ein gutes halbes Jahr später waren die Türen für immer geschlossen.

Aber wie konnte es soweit kommen?

Geknirscht hat es im Inneren – im Markenkern

Abläufe stimmten nicht.
Oft wurde viel zu viel Ware eingekauft.
Die regionalen Lieferanten forderten Mindestabnahmemengen, die im Restaurant gar nicht verarbeitet werden konnten.

Regelmäßig wurde das Geld im wahrsten Sinne in die (Müll-)Tonne gekloppt.

Es gab zu viele Reservierungen zur gleichen Uhrzeit. 

Die offene Küche war klein.
Zu klein, um die vielen unterschiedlichen Speisen, für 50 Gäste parallel zuzubereiten.

Der Pizzaofen schaffte die bestellten Mengen nicht, weil zusätzlich auf noch Abholservice angeboten wurde. Auch in der Hauptreservierungszeit.

Das bedeutete lange Wartezeiten für die hungrigen Menschen im Lokal und für die Abholer:innen. Und mal ehrlich – wer wartet denn gerne eine Stunde und länger auf eine Pizza? Besonders in der Mittagszeit ist, wo niemand wirklich Zeit hat hat das zu großer Verärgerung geführt.

Als nächstes wurde das Konzept aufgeweicht.

Wenn Familien kamen, hieß es: „Aber mein Mann kommt nicht, wenn es kein Fleisch gibt.“ Also gab es Fleisch – einmal, ausnahmsweise…

Öffnungszeiten wurden nicht eingehalten.
Statt um 22 Uhr war oft schon um 21:00 die Küche dicht.
Gäste, die noch was essen wollten wurden entweder direkt weggeschickt oder mit kalten Häppchen abgespeist. Die musste dann die einzige noch anwesende Person – die Servicekraft – auch noch zubereiten. Die Gäste blieben derweil vor leeren Gläsern sitzen.

Alles in allem ein Desaster.

Statt die Verantwortung zu übernehmen und hinzuschauen, wo das Problem wirklich sitzt, wurden Pflaster geklebt.

Die Gäste blieben weg. Die Umsätze gingen zurück.
Auf gut deutsch: die Hütte brannte.

Statt Bio kam Standardware – was den Kund:innen aber weiter als Bio verkauft wurde.

“Merkt ja keiner”, war das Argument.
Bis ein Gast die Chefin beim Einkaufen im Goßhandelsmarkt“erwischte”.

Auf der Pizza landeten Salami und richtiger Käse.
Fleisch war jetzt regelmäßiger Gast auf der Tageskarte.

Statt Struktur herrschte Chaos.

Nach einem Abend, an dem die Gäste teils über 2 Stunden auf ihr Essen gewartet hatten und dann noch nicht mal alle am Tisch gleichzeitig essen konnten, bat ich um ein Gespräch – mit allen. Als Beraterin UND Mitarbeiterin.

Aus meiner Sicht hatte es genug Kritik gehagelt und die Servicekräfte mussten das alles abfangen. Wie man den Wartenden die langen Zeiten erklären sollte?
Von der Chefin kam keine Unterstützung. Gar keine.

Das ging so nicht. Die Risse waren unübesehbar.

Das Personal fing an sich zu spalten in Pro und Contra Chefin – pro mehr aus Angst vor der Kündigung, als aus Überzeugung. der zweite Koch kündigte…

Die Chefin, das gesamte Küchen- und Servicepersonal und ich standen in der viel zu engen Küche. Ein Gespräch zwischen Tür und Angel.
Um sich gemeinsam an einen Tisch zu setzen, war “jetzt” keine Zeit.

Die stockenden Küchenabläufe und die langen Wartezeiten wurden besprochen.
Die Köchin fühlte sich persönlich angegriffen und reagierte beleidigt.

Die Chefin fand das Chaos nicht schlimm, wiegelte ab und meinte: „Wieso?
Lief doch ganz gut“.

Kein einziger Kritikpunkt wurde angenommen, über eine Optimierung wollte man gar nicht erst nachdenken. Reflektion Fehlanzeige.

Die Frage, wie die Küche, in den Stoßzeiten entlastet werden könnte, blieb unbeantwortet. Eine Anpassung der Speisekarte: ”Geht gar nicht.”
Anregungen, die Reservierungen besser zu timen – vom Tisch gefegt.

Ich warnte, dass das nicht mehr lange gut geht.

Ich war fassungslos, wie man angesichts der Abwärtspirale (bald konnte die erste Pacht nicht mehr bezahlt werden) so die Augen verschliessen konnte.

Unglücklicherweise behielt ich Recht.

Immer weniger Reservierungen, immer weniger Gäste, immer weniger Umsatz.

Man versuchte noch mit massiven Werbe-, Marketing- und Rabattaktionen gegenzusteuern.

Vergeblich – das Flugzeug das steil gestartet war, befand sich jetzt im Sinkflug.

Es passierte, was oft passiert, wenn es eng wird.
Die Augen werden geschlossen.
Verantwortung verschoben.
Blindheit regiert.

Das Konzept, der Markenkern, die eigenen Werte, die Identität werden aufgeweicht und schließlich systematisch demontiert.

Das Image kippt.
Die Markenidentität löst sich auf.
Die Wahrnehmung der Marke dreht ins Negative.
Das Vertrauen geht flöten.

Und Vertrauen das mal weg ist holt man nicht eben mal wieder zurück.

An diesem Punkt stirbt eine Marke.
Das heißt nicht: „Die Marke hat einen Kratzer.“
Die Marke liegt am Boden, mit einem Messer im Rücken und das bedeutet:
„Hier geht gleich das Licht aus“.

Nach nur gut 6 Monate war es soweit.

Aus All In wurde All Out – alles auf eine Karte gesetzt und alles verloren.

Das war:
kein Pech
keine schlechte Marktlage
kein schlechtes Branding
kein schlechtes Marketing

Es lag an der Weigerung, Verantwortung zu übernehmen.

Für das eigene Business und die Marke, das Personal und die Aufarbeitung von Fehlern.

Das alles trägt sich nicht von allein. Zum Untergang trägt jede Entscheidung bei, die den Kern verschiebt.

Sechs Monate, aus.
Dabei hätte das echt was werden können.

Es war alles da: Herzblut, Vision, Positionierung, Zielgruppe, USP, Konzept.

Was wackelte war die Strategie, aber die hätte angepasst werden können.

Was fehlte war das Unternehmer:innenGen und Einsicht.

Deshalb begleite ich Unternehmen beim Aufbau — mit einer Mindestanforderung: Übernimm die verdammte Verantwortung für das, was du tust, reflektiere und sei bereit Fehler benennen zu lassen und sie zu beheben.