Nix wie weg

Im Maschinenraum werden Reisevorbereitungen getrofffen.

Oder wie ich versuche, durch totale Kontrolle meine Panik zu beruhigen.

Ich fliege nach London.
Eigentlich könnte ich mich freuen.
Endlich Urlaub – endlich wieder mein Lieblingsfestival.

Aber mein Kopf?
Der fährt schon seit 2 Wochen im Kreis, in den Wahnsinn.

Im Maschinenraum herrscht Ausnahmezustand:

– Anton sitzt mit Warnweste an der Kommandozentrale und ruft: „Redundanzsystem aktivieren! Du musst noch soviel machen. Willst du nicht noch Content machen für die Zeit wo du weg bist?”
Nein, Anton, ehrlich: Wenn ich es nicht schaffe, ist mir das auch mal für zwei Wochen egal!

– Sokratina, die Sicherheitsfanatikerin wedelt mit einem einen alten Stadtplan von London vor meiner Nase herum,“Nur für alle Fälle“, säuselt sie zuckersüß.

Ich winke ab.

Ich hab ein Handy – mit google Maps – alles wird gut.

– Debby Deadline hat die Abfahrtszeiten der Züge an die Wand geschrieben – wo sie mir nichts nützen, wenn ich in London bin.

Ich hoffe sie streicht die Wand, wenn ich weg bin.

Sie meint es gut – aber ich habe längst alles in irgendwelchen Apps gespeichert.

Jede einzelne Zugverbindung. 

Plane ich echt Urlaub oder plane ich das Chaos?

Ich habe noch Tage Zeit und bekomme immer wieder innerliche Panikattacken. 

Ich habe:
– alle Zugverbindungen gecheckt (viermal)
– die Route vom Flughafen zum Hotel gegoogelt, inklusive Umsteigezeiten, Gehminuten und Ausweichrouten
– die Bezahlfunktion in Google Pay getestet (Spoiler: Ich denke, sie geht – aber was, wenn sie plötzlich nicht geht?)
– alle Eventualitäten durchgespielt, von „falsches Gleis“ bis „Karte wird nicht erkannt“
– meine Festival-Tickets gesucht, die sind auf dem Handy angezeigt, aber das E-Ticket ist immer noch nicht da.

Schon wieder Panik: Was wenn die diesmal nicht rechtzeitig kommt….
Schonmal Support checken und abspeichern.
– Fünfmal geschaut, ob auch kein Hotel storniert wurde und trotzdem mal gesucht, ob’s Ausweichmöglichkeiten gibt.

Mein ADHS-Kopf macht mich verrückt und und Mimimutlos?

Die sitzt auf den, seit Tagen, halb gepackten Koffern, über die ich ständig stolpere und klammert sich wimmernd an ihrem Schirmchen fest.

Sie will am liebsten gar nicht mit, weil „sowas eh nur schiefläuft“.

„Stimmt nicht. Nicht immer. Letzes Jahr hat doch auch alles geklappt.“

„Aber da war ich noch nicht dabei“ murmelt sie leise und fährt sich dabei mit ihrer Kleinen Hand über ihren dünnen winzigen rosa Flügel.

„Mimi, bitte. Deine Flügel brauchen mal wieder einen Wachstumsschub.“

Mimi seufzt… und sagt erstmal nichts mehr.

Ich kann ihre schlechte Stimmung verstehen.
ist doch vor wenigen Tagen eine meiner Katzen über die Regenbogenbrücke gegangen.

Ich hab da noch eine alte Katzendame, die auch schon schwächelt:

Mimi schluchzt und die dicken Tränen laufen ihre kleinen blassen Wagen runter.: „Was wenn….ohje, dann bin ich nicht da.

Ich bin müde vom viele Denken, bevor überhaupt etwas passiert ist. 

Ob ich endlich mal in Urlaubsstimmung komme?

Ich gehe mir selber auf die Nerven, schaue zum x-ten Mal in den Koffer, ob ich auch nichts vergessen habe, obwohl ich noch nichtmal alles eingepackt habe.

Aber wenn ich’s nicht mache, sitze ich nachher in London am Bahnsteig, hab keinen Empfang, keinen Plan und keine Geduld und keine Unterwäsche.

Aber eins ist gut: Wenn ihr das hier lest, sitze ich schon im Flieger – habe dreimal tief durchgeatmet und weiß:

Das wird ein richtiger toller Urlaub.

Mit ganz viel London – ich hoffe, die Tage und Abende sind lange genug.
Abends in der untergehenden Sommersonne an der Themse entlangschlendern. Da wo nicht 5-tausend Touristen sich breit machen.

Museum, Little Venice und ganz viel Camden, Denmarkstreet, Second Hand Läden und zum krönenden Abschluß ein Festival in der Nähe in von London.

Eigentlich ist ja alles nur halb so schlimm und im Maschinenraum herrscht Ruhe – ganze zwei Wochen.

Das Ensemble lasse ich zuhause, außer Mimi, die darf mit – sie muss mal raus und muss etwas Mut tanken.

Ich schaue meinen Koffer an.
Ich habe noch 4 Tage Zeit. Der kann auch bis morgen warten.